Ein Theaterabend gegen das Vergessen

Vater hat Lager

Regisseur Michael Heicks und Schauspielerin Gilla Cremer haben einen intensiven Theaterabend gegen das Vergessen geschaffen, der am Mittwoch, 4. März, um 19:30 Uhr im Kurhaus zu sehen ist. Wie bei der Schauspielreihe üblich, gibt es im Vorfeld für alle Interessierten um 18:45 Uhr ein Einführungsgespräch, in dem Fakten und Hintergründe zum Stück näher beleuchtet werden.

Eine Kleinstadt in den fünfziger Jahren, eine Familie mit drei heranwachsenden Kindern: Für sie dauert der zweite Weltkrieg immer noch an. Denn der Vater „hat Lager“. Diese sprachliche Wendung hilft den Kindern dabei, das Unbegreifliche zu verstehen und auch den Außenstehenden zu erklären, was der Vater von seiner Haft im Konzentrationslager mit in die heimischen vier Wände gebracht hat. Und warum es bei ihnen zu Hause so ganz anders ist als bei ihren Freunden. „Darin unterscheidet er sich von uns. Wir hatten Windpocken und Röteln. Und Simon hat, nachdem er vom Baum gefallen war, wochenlang mit einer Gehirnerschütterung im Bett gelegen. Aber Lager haben wir noch nicht bekommen.”

Im Gegensatz zu anderen Überlebenden, die nicht über ihre Erlebnisse sprechen mochten oder konnten, hält dieser Vater seinen Kindern keine einzige Erinnerung vor. Denn das Erlebte in der Lagerzeit lässt ihn einfach nicht los, die Erinnerungen daran überfallen ihn stets und ständig: Ob beim morgendlichen Zähneputzen, beim Mittagessen, auf einem Spaziergang oder beim Abendessen. Die Kinder kennen sich daher mittlerweile gut aus mit Flecktyphus, SS, Kapos und blutrünstigen Wachhunden. Und sie erfinden daraus ihre eigenen Geschichten.

Da möchte die Tochter unsichtbar werden, damit die SS-Leute sie nicht finden können und ihr kleiner Bruder spielt gedanklich schon mal die Schlachtung der Hauskatze durch, wenn die Truppen wieder einmarschieren.

1991 veröffentlichte die niederländische Schriftstellerin Carl Friedman ihre autobiographische Erzählung „Vater“, in der sie das Leben einer Familie in den 1950er-Jahren schildert, das von der Vergangenheit des Vaters als KZ-Häftling überschattet ist. Friedmans Vater selbst war im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. 

Einmal mehr überzeugt Gilla Cremer durch ihr feinfühliges Spiel und ihre Wandlungsfähigkeit, ihre klare und kraftvolle Ausstrahlung. In einer darstellerischen Tour de force verwandelt sie Schrecken in Poesie, verknüpft eindringlich die Erinnerungen des Vaters mit denen der Kinder und wechselt in fließenden Übergängen scheinbar mühelos die Rollen.

Spielszene aus "Vater hat Lager"

© Arno Declair