22.04.2015

Das „Rote Läppchen“
Ein Ort der Krankenfürsorge seit 500 Jahren

Die Seuchen Pest und Lepra prägen bis heute die Vorstellung von mittelalterlichen Krankheiten. Die Pest ist eine sich leicht übertragbare Infektionskrankheit mit besonders hoher Sterblichkeit. Die Lepra fügt dem Erkrankten grauenhafte Verstümmelungen zu, führt zu langem Siechtum und macht ihn zum „Aussätzigen“, der von den Mitmenschen gemieden wird.

Das III. Laterankonzil von 1179, das Leprosen den Umgang mit Gesunden verbot, sah gleichzeitig eigene Häuser, Kapellen, Friedhöfe und Geistliche für Leprose vor. Damit hatte das Leprosorium – das Leprosenhaus – als Form anstaltlicher Wohlfahrtspflege seine rechtliche Grundlage gefunden. Als Platz wurde regelmäßig ein Ort in der Nähe einer Durchgangsstraße gewählt, so dass die Aussätzigen die Möglichkeit zur Erbittung von milden Gaben hatten. Kranke mussten eine besondere Kleidung tragen, die sie als Aussätzige kennzeichnete.

Seit dem 12. Jahrhundert sind Leprosenhäuser in Europa nachweisbar, deren Anzahl seit dem 13. Jahrhundert sprunghaft anstieg. Ursache für die wachsende Verbreitung der Seuche war neben der Bevölkerungsverdichtung und den sich verschlechternden hygienischen Verhältnissen in erster Linie die wachsende Mobilität – der aufblühende Fernhandel, Pilgerfahrten und vielleicht auch die Kreuzzüge. Der erste bekannte Leprose in Westfalen war der Ritter Goswin von Siddessen, ein Ministeriale (Lehnsmann) des Bischofs von Paderborn, der 1158 am Aussatz erkrankte. Die ältesten westfälischen Leprosorien sind aus Soest (1250), Dortmund (1250) und Warendorf-Freckenhorst (1288) bezeugt.

... zum Vergrößern bitte auf die Karte klicken ...
Eine historische Karte Heessens von 1797

Aus der Karte des Kirchdorfs Heessen 1797, Rekonstruktion mit Erläuterungen
aus: Emil Steinkühler, Heessen - Geschichte der Gemeinde Heessen (Westf.), 1952

In der früheren Stadt Hamm gab es zwei Leprosenhäuser: 1410 ist zum ersten Mal das Haus vor dem Westentor „den armen leprosen up dem Daberge“, an der Landstraße nach Pelkum erwähnt. Ein weiteres Siechenhaus ist 1517 belegt, in dem „von ansteckenden Krankheiten befallene oder mit Ausschlag behaftete geringe Leute“ Unterkunft fanden, „jenseits von Mark, wenn man die Brücke über die Ahse passiert, auf dem daran grenzenden Sandberge“.

Das Siechenhaus in Heessen lag außerhalb des Dorfes an der Landstraße von Hamm nach Ahlen. Der Name „Rotes Läppchen“ erinnert an das Zeichen, dass das Haus mit Leprosen besetzt war. Emil Steinkühler erklärt den Namen auch damit, dass es sich um ein herausgeschnittenes und gerodetes Landstück handelt:  „ein Lappen gerodet“.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts lebten etwa 400 Menschen im Kirchspiel Heessen. Die Besitzer des Hauses Heessen – die Freiherren von der Recke - besaßen die Gerichtshoheit. Die älteste Nennung des Siechenhauses  ist in der „augmentatio vicarie sanctorum Christopheri, Antonii, Cornelii, Annae et Catharinae in ecclesia Hessensi“ enthalten. Dietrich von der Recke stiftete am 23. Oktober 1514  eine Dienstagsmesse in der „Capellen der Armen off von den Melaten von der h. frowen sünte Annen“. Die St. Annenkapelle befand sich neben dem „seiken Huise“.

Im Leprosorium erhielten die Kranken Nahrung und Betreuung. Strenge Vorschriften regelten das Leben der Kranken in und außerhalb des Siechenhauses. Nach dem Visitationsbericht von 1630/32 des Weihbischofs von Münster Johannes Nicolaus Claessens befand sich die Kapelle in einem „äußerst baufälligem Zustand“: „Diese Kapelle scheint gebaut worden zu sein für die Frömmigkeit der Aussätzigen. Aber dort sind keine Aussätzigen, und auch wenn dort in Zukunft irgendwelche sein würden, müssten sie nichtsdestoweniger an Sonn- und Feiertagen für die Predigt zur Pfarrkirche sich begeben.“ Der Bericht empfahl, bei erneutem Auftreten der Krankheit zur Seite des Turms der Pfarrkirche einen abgesonderten Raum, „ aus dem die Aussätzigen durch die Gitter hindurch, … sowohl auf den Altar als auch auf die Rednerbühne blicken, der Feier und der Versammlung zuhören, aber auch in Zeiten der Ansteckung die Pestkranken ihren religiösen Pflichten nachgehen können.“

Während des Dreißigjährigen Krieges diente das Siechenhaus zur Aufnahme von Pestkranken. In den Jahren 1617, 1635 und 1636 wütete die Pest in Hamm. Das Haus als auch das Kirchspiel Heessen wurden wiederholt überfallen, geplündert und die Bevölkerung „mit Schlagen, Stoßen, Prügel übel traktiert“. Einige Jahrzehnte später wurde die Kapelle wieder instand gesetzt, bis die Familie von der Recke 1728 eine neue Kapelle im Renaissance-Stil erbaute. Im Dachreiter befindet sich eine der ältesten Glocken der Stadt aus dem frühen 13. Jahrhundert.

Der letzte Sterbefall „in Leprosorio“ wurde 1684 registriert. Mit dem Rückgang der Seuchen verlor das „Rote Läppchen“ seinen Zweck und wurde als Armenhaus eingerichtet. Nach Verlegung des Armenhauses in das Dorf Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Gebäude als Gaststätte mit dem Namen „Zum Roten  Läppchen“ von den Eheleuten Joh. Bernh. Hagedorn und Cath. Bruse genutzt. Diese mussten im Rahmen einer Zwangsversteigerung 1790 das alte und das neue Fachwerkgebäude an den Freiherrn von Boeselager verkaufen. Über Jahrzehnte pachtete die Familie Hagedorn das Anwesen und betrieb dort bis 1984 die beliebte Ausflugs-Gaststätte.

Nach Sanierungs- und Umbauarbeiten nahm Angang 2004 das Christliche Hospiz an diesem Ort seinen Betrieb auf. Als ältester noch erhaltener Standort kann das ehemalige Leprosenhaus  als Vorläufer des modernen Krankenhauswesens in Hamm angesehen werden. Das Besondere und Einzigartige an diesem Ort ist, dass heute durch das Christliche Hospiz wieder eine Anknüpfung an die Historie stattfindet.