16.04.2018

Bomben zerstörten das „Russenlager“: 157 Tote

Am 27. März 1945 wurde das ehemalige „Russenlager“ in Heessen durch einen britischen Luftangriff zerstört. Mindestens 157 Opfer waren zu beklagen. Am 73. Jahrestag des tödlichen Bombardements wurde am Mahnmal an der Sandstraße eine Stele zur Erinnerung an das Schicksal der im Zweiten Weltkrieg rekrutierten Zwangsarbeiter übergeben. 

Auf dem Gebiet der heutigen Stadt Hamm waren mehr als 16.000 Menschen zur Zwangsarbeit verpflichtet. Von November 1941 bis April 1945 lebten über 10.000 sowjetische Staatsbürger als Zwangsarbeiter, allein in Heessen waren es 4.233. In Heessen gab es drei Lager für Zwangsarbeiter, die auf der Zeche Sachsen arbeiteten: das Lager I auf dem Hardinghauser Knapp für polnische, ukrainische und russische Zivilarbeiter, das Lager II an der Sandstraße für russische Kriegsgefangene und das Lager III am Schacht III für italienische Militärinternierte.

Das Lager II – das sogenannte „Russenlager“ - wurde 1941 an der Sandstraße entlang der Bahnlinie errichtet und diente zunächst als Lager für ausländische Zivilarbeiter. Von Juli 1942 an waren durchschnittlich 850 sowjetische Kriegsgefangene untergebracht, die auf der Zeche Sachsen untertage Zwangsarbeit leisteten. Zeitweise bildeten sie 50 Prozent der Belegschaft. Das Lager war dem Stammlager VI A Hemer zugeordnet und wurde von Landesschützen der zweiten Kompanie des Landesschützen-Bataillons 874 der Deutschen Wehrmacht bewacht. Das Lager bestand aus neun Wohn-, einer Wirtschafts- und zwei Waschbaracken.

Die meisten Kriegsgefangenen kamen bereits entkräftet in Heessen an und blieben nicht länger als ein halbes Jahr. Ihre Verpflegung war mangelhaft bis katastrophal. Im Krankheitsfall oder bei völliger Entkräftung wurden sie in das Stammlager zurückgeschickt. Dort starben fast alle. Insgesamt gingen 1.881 Kriegsgefangene durch das Lager II.

Am 27. März 1945 – drei Tage vor dem Kriegsende in Heessen – flogen 150 Lancasterbomber der Royal Air Force über Hamm und Heessen. Durch etwa 130 Sprengbomben erlitt die Zeche Sachsen empfindliche Schäden, wodurch der Zechenbetrieb eingestellt werden musste. Alle Lagerinsassen und das deutsche Wachpersonal suchten Schutz im Splittergraben. Der Splittergraben und vor allem die Nordseite des Lagers erhielten direkte Bombentreffer. Auch die angrenzende Wohnbebauung wurde schwer getroffen. Mehr als 157 Menschen fanden den Tod, darunter mindestens 82 sowjetische Kriegsgefangene. Weitere 13 Leichen wurden im April 1946 gefunden und in einem gemeinsamen Grab auf dem Dasbecker Friedhof in Heessen bestattet. Die Zahl der Toten, die nie geborgen wurden und immer noch dort liegen, wird auf 50 bis 80 geschätzt.

Das Gelände blieb zunächst sich selbst überlassen. In den 1960er-Jahren legte die Stadt Heessen einen Hain mit Pappeln an. In den 1990er-Jahren stellten Schülerinnen und Schüler der Heessener Realschule eine Gedenktafel auf und pflanzten einen Friedenshain. 2004 regten der Autor Heinz Weischer und Ortsheimatspflegerin Rita Kreienfeld an, dem Gelände eine „die zeitgeschichtliche Bedeutung würdigende Gestaltung“ zukommen zu lassen. Die Gedenkstätte, zusammen mit Marcus Bijan vom Tiefbau- und Grünflächenamt der Stadt entworfen und gestaltet, wurde am 4. September 2008 eingeweiht.

Der Weg beginnt an der Stelle, wo sich das Lagertor befand. Der Eingangsbereich ist mit den historischen Pflastersteinen befestigt. Entlang des Pfades stehen Eisenpfosten, die in ihrer Form an die Pfosten des Lagerzauns erinnern. Mittelpunkt der Gedenkstätte ist ein Kubus aus Drahtgitter am Ende des Weges, in dem Fundstücke aufgeschichtet sind, die Schülerinnen und Schüler der Realschule auf dem Gelände gesammelt haben. Die erste Gedenktafel ist im Kubus eingebaut.