17.04.2015

Tank- und Rastanlage Rhynern

Die 1939 fertiggestellte einstige Doppeltankstellenanlage von Helmut Hentrich (1905-2001) steht seit 1990 unter Denkmalschutz. Der in Krefeld geborene Regierungsbaumeister gründete 1933 in Düsseldorf sein eigenes Büro, welches sich ab 1953 in Bürogemeinschaft mit Hubert Petschnigg (seit 1972 HPP) zu einem der größten und bedeutendsten Architekturbüros in Deutschland avancierte. Mit dem „Reichsautobahn-Rasthof Rhynern“ war der junge Architekt 1938 in München auf der wohl bedeutendsten Kunst- und Architekturausstellung der NS-Zeit vertreten.

Luftaufnahme Rasthof und Tankstellen Rhynern, um 1960

Luftbild Autobahnraststätte Rhynern, Ende der 1950er Jahre
Quelle: Stadtarchiv Hamm

Tankstellengebäude waren nun nach gestalterischen Vorgaben nicht mehr „modern“, sondern wegen der Landschaftseinbindung im „Heimatstil“ zu entwerfen. Dabei war auf „widerstandsfähiges Material und gesundes Handwerk“ zu achten. Dementsprechend sollten die beiden spiegelbildlichen Gebäude Nord und Süd mit den steilen Satteldächern und hölzernen Giebelschildern wohl eher einen Bezug zum rheinisch-westfälischen Bauernhaus herstellen, als ihre funktionale Aufgabe in der bis dato für diese Bauaufgabe üblichen Formensprache der Neuen Sachlichkeit widerzugeben.

Wegen des Zweiten Weltkrieges wurden die ursprünglichen Pläne für einen größeren Rasthof nicht ausgeführt. Als einfacher Holzbau ohne Übernachtungsmöglichkeit wurde 1939 nur die Raststätte Süd in Betrieb genommen. Das den beiden Tankstellengebäuden äußerlich ähnelnde Gebäude, welches zuvor noch als Baubüro gedient haben soll, wurde um einen flacheren seitlichen Saalanbau in schlichter Holzkonstruktion ergänzt. Der Rhyneraner „Autobahnkönig“ Eberhard Helbach pachtete sämtliche Tank- und Raststätten zwischen Gütersloh und Siegburg und ließ dort Baracken aufstellen, in denen Gerichte aus eigener Herstellung angeboten wurde. Wohl vor dem Hintergrund eines an der Rhyneraner Raststätte rege herrschenden Prostitutionsbetriebes, über den die Zeitung  1949 erstmals berichtet, gab es dort seit 1953 auch eine ökumenisch betriebene Autobahnmission. Die zwei Fürsorgerinnen der Caritas und der Inneren Mission kümmerten sich um die zahlreichen nicht gerade willkommenen Tramper, die auf dem „Anhalter-Bahnhof“ umstiegen und eine Notunterkunft im Rhyneraner Spritzenhaus fanden. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre wird das Provisorium schließlich durch einen Neubau ersetzt, der im Zuge des Autobahnausbaus in den 2000er-Jahren erhalten und in den Neubaukomplex integriert werden konnte. Gleiches gilt für das entsprechende südliche Tankstellengebäude, welches jedoch  um eine Pfeilerachse zurückgebaut werden, um es in die 2004 neu entstandene Tankstellenanlage integrieren zu können. Diese Umnutzung durch die Schalksmühler Architekten Stapelmann & Bramey war möglich, da hier das inzwischen übliche Konzept der Anordnung von Tankstellen direkt nach der Einfahrt und vor der eigentlichen Raststätte gegeben war.

Das nördliche - unverändert erhalten gebliebene - Pendant wird seit dem 1. Advent 2009 als Autobahnkapelle genutzt. Hinter der eigentlichen Rastanlage verortet, kam hier eine Weiternutzung als Tankstellengebäude nicht in Frage. Nachdem die in den 50er Jahren errichtete Raststätte Rhynern-Nord bereits komplett erneuert war, fasste der Evangelische Kirchenkreis Hamm in 2007 den Beschluss dem seit über zwei Jahren leerstehenden Gebäude neues Leben als „Tankstelle für die Seele“ einzuhauchen. Von den Münsteraner 1zu1 Architekten saniert, entstand in dem alten steinernen Gebäude ein kubischer „Raum im Raum“ aus hellem Birkenholz.  Die von Pater Abraham Fischer aus der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede entstandene Möblierung des Andachtsraumes wurde aus Corteenstahl geschmiedet. In den Sonnenstrahlen, die am Tage durch die oberen Lichtbänder aus satiniertem Glas einfallen, stechen jene rostroten Prinzipalstücke besonders kontrastreich hervor. Dieses Material wiederholt sich in der vom Landesbetrieb Straßen NRW errichteten Außenanlage sowohl bei dem Brunnen als auch bei der erhöhten Stahlplastik „Das Tor“ vom Soester Künstler Michael Düchting wieder, die den Weiterreisenden eine Art Reisesegen für die Weiterfahrt sein soll.