17.02.2016

Historie

Kaum anderswo im idyllischen Lippetal träumt sich's an schönen Tagen
unter dem schirmenden Laubdach alter Kastanien und bei der vorzüglichen
Bewirtung längst entschwundener Ritterzeiten so wie hier.

Unser heute so stilles Lippetal war einst reich an stolzen Wasserburgen. Nur wenige Kilometer voneinander entfernt traf man sowohl ost- als westwärts von der Stadt
Hamm eine ganze Reihe derselben an. Die meisten sind nicht mehr. Ober- und Niederheidemühle sind bereits vor Jahrhunderten verschwunden. Haus Haaren wurde 1841 abgebrochen; Niederwerries ist in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts dem Erdboden gleichgemacht worden, das alte Haus Heessen, dem Hexenteich gegenüber, ging im Dreißigjährigen Kriege in Flammen auf, Nienbrügge wurde nach der Ermordung des Erzbischofs Engelbert von Köln 1225 zerstört; Torks Haus in Nordherringen ist am 4. Mai 1847 auf Abbruch verkauft; die Edelsitze Stockum sind im vorigen Jahrhundert niedergerissen worden. Nur wenige Schlösser haben sich aus alten Zeiten in unsere Tage hinübergerettet. Zu ihnen zählt Oberwerries.

Was weiß das alte Gemäuer aus der Vorzeit grauen Tagen zu erzählen? Die ältesten Zeiten der Wasserburg Oberwerries umgibt tiefes Dunkel. Wer waren die Erbauer des ursprünglichen Hauses, wer seine Bewohner? Niemand vermag es zu sagen.
Aus der Urkunde vom 17. Mai 1284 geht hervor, dass Oberwerries ein Lehnsgut des Grafen von Limburg-Styrum war. Lehngüter wurden von ihren Besitzern meist gegen geringe Abgaben oder formelle Dienstleistungen Edlen oder Rittern übertragen, um sich dadurch im Frieden ein glänzendes Gefolge, in Fehden aber treue Helfer zu sichern. Meistens besaßen die Lehnsträger (Vasallen) das Lehen erblich. Starb ihr Geschlecht aus, fiel das Gut an den Lehnsherrn zurück. 1284 wurde mit Oberwerries Ritter Engelbert von Herbern belehnt, nachdem die Kinder des bisherigen Inhabers Wescel, genannt Kalver, darauf verzichtet hatten.

180 Jahre war das Geschlecht hier ansässig, da erlosch es mit dem Tode Lamberts von Herbern. Seine Witwe Jutta verkaufte am 3. September 1464 die Besitzung, bestehend aus Haus Oberwerries, dem vierten Teil der Mühle, Hinrichs Gut zu Evener (Kirchspiel Alverskirchen), Syverdes Hof (Sievert?) und Lynhof zu Vrylink (Frielick, Kirchspiel Heessen), dem Hofe Kolvink mit drei Kotten usw. an Gerd von Beverförde.

Sein Geschlecht entstammte der holländischen Provinz Overyssel und führte im Wappen einen schwarzen, aufrecht stehenden Biber im goldenen Felde. Er vermählte sich mit Sophia von Tork-Nordherringen, von ihm stammt die links vom Toreingang liegende Kapelle. Heute dient der Bau anderen Zwecken, doch ist seine ursprüngliche Bestimmung noch an den vermauerten gotischen Fensterbögen zu erkennen. Eine tief ergreifende Szene wird es gewesen sein, als hier an hl. Stätte die beiden Brüder Johann und Rudolf von den Eltern und Verwandten Abschied nahmen, um hinauszuziehen zum fernen Livland, wo sie, die Schwertritter, als Pioniere deutscher Kultur ihren Schild mit Ruhm und Ehre bedeckten.

Mehr und mehr breiteten die Freiherrn von Beverförde ihren Besitz aus. 1661 erwarb Johann Friedrich von Beverförde auch das benachbarte Rittergut Niederwerries von dem Obristen und Stadtkommandanten Franz von Bodelschwingh, der es durch seine Gattin Engelen von Nehem erhalten hatte. Es lag etwa ein Kilometer westwärts von Oberwerries auf der südlichen Lippeterrasse, also in der Grafschaft Mark. Nach Aussage des alten Sundermann in Haaren, der 1768 im Prozess des Obristen Freiherrn von Elverfeld gt. Beverförde gegen den Generalmajor Freiherrn von Wolffersdorf als Zeuge auftrat, lag „rechterhand des Weges, der von der Landstraße nach Oberwerries geht, in alten Zeiten ein festes Schloss, das mit tiefen Gräben, die damals noch zu sehen waren, umgeben gewesen ist. Es führte den Namen Nienborg oder auch Nehems Burg."

Die Edelherren von Nehem hatten es jahrhundertlang im Besitz gehabt. Sie besaßen auch das kleine Gut Osthoff als ein Lehen des Kurfürsten von Brandenburg, mit dem am 16.Juni 1662 Johann Friedrich von Beverförde belehnt wurde, nachdem seit 1642 der Schwiegersohn Dietrichs von Nehem, Franz von Bodelschwingh, Lehnsträger gewesen war. Es bestand aus 122 Morgen Wald, 86 Morgen Saatländereien, 91 Morgen Wiesenwachs und Weidegrund und vier Kotten von zusammen 34 Morgen Größe, die von Bremann, Müller, Peter und Temme damals bewirtschaftet wurden.

Als Niederwerries in den Besitz der Freiherrn von Beverförde gelangt war, hatten die Gebäude für sie kein Interesse mehr. Sie ließen sie verfallen. Die Trümmer wurden um 1730 bei der Errichtung eines neuen Marstalls im Schlosshof von Oberwerries verwandt, der nach den Plänen des berühmten westfälischen Baumeisters Johann Konrad Schlaun 1730 errichtet wurde. Ein Fuder der glatten, grauen Steine erhielt der Kötter Storch in Mark, der sie als Belag seiner Küche benutzte.

Keine Spur ist mehr vom alten Herrensitz übriggeblieben,
selbst die Gräben sind nicht mehr zu sehen.
Versunken und vergessen!
Nur am Seitenarm der Lippe, oberhalb der Brücke,
ist noch jene Stelle zu erkennen,
wo einstmals die Schlossmühle klapperte.


Zwei Jahrzehnte nach dem Erwerb von Niederwerries beschlossen die Freifrau Maria Ida von Beverförde, Witwe des Freiherrn Johann Friedrich, und ihr Sohn Ferdinand, einen Neubau aufzuführen. Wie die Inschrift im gut erhaltenen Allianzwappen über dem Sturz des Hauptportals besagt, wurde der hübsche Piktoriusbau in den Jahren von 1685 bis 1692 errichtet.

Die Pracht des neuen Hauses begeisterte den Hammer Professor Neuhaus so, dass er es in seinem „Otia parerga" 1725 in lateinischen
Versen besang, deren Übersetzung lautet:

Segen spendet die Lippe dem Schlosse zu Werries reichlich.
Das in herrlicher Pracht über die Lande hin glänzt.
Prunkvoll erhebt sich im Äußern der Bau und zwingt zum Bewundern,
größer das Staunen noch wird, wenn man das Innere sieht.
Allenthalben kannst schauen Du hier die prächtigsten Werke,
die ein Künstler je schuf; weide daran Deinen Blick!

Fürsten und Herren beehrten Oberwerries mit ihrem Besuche. Oft weilte der Bruder der Erbauerin, Friedrich Christian, von 1688 bis 1704 Fürstbischof von Münster, hier. Und Kurfürst Klemens August, Erzbischof von Köln und Bischof von Münster, Paderborn und Hildesheim, stieg hier ab, als er am 29. Märze 1724 mit seinem Gefolge von Münster nach Arnsberg reiste. Nicht lange sollte sich Ferdinand seines neuen Wohnsitzes erfreuen. Noch im Jahre der Vollendung des Baues rief der Tod ihn ab.

Sein Bruder Bernhard Engelbert Christian trat das Erbe an. Dieser vermählte sich 1699 mit der reichen Elisabeth Anna Theodora von Neuhoff, der Tante des späteren abenteuerlichen Königs Theodor I. von Korsika. Das Ehepaar war Erbauer des prächtigen Beverförder Hofes auf der Königsstraße zu Münster. Sein Glück war nur von kurzer Dauer. Der Freiherr, der sich mit der Hoffnung schmeichelte, in den Grafenstand erhoben zu werden, starb bereits 1705 und im folgenden Jahre auch seine Gattin — viel zu früh für ihren Sohn und Erben Friedrich Christian, der später seiner losen Streiche wegen der „tolle Werries" genannt wurde. Ein vom verstorbenen Vater gestiftetes Armenhaus in Dolberg sowie ein zu dessen Gunsten bestimmtes Vermächtnis von 3000 Rthlr. legen Zeugnis von seinem Wohltätigkeitssinn ab.

Friedrich Christian wurde 1731 zum Vize-Oberstallmeister des Fürstbischofs von Münster ernannt. Doch behagte ihm diese Stellung nicht. Er trat in den preußischen
Staatsdienst ein und wurde Königlich Preußischer Geheimer Staatsrat. Als solcher vermählte er sich — bereits 41 Jahre alt — mit dem Freifräulein Anna Angela
Antoinette von Ascheberg zur Venne. Die Ehe war höchst unglücklich und blieb kinderlos. Beide Eheleute führten ihre eigenen Haushaltungen. Während des Siebenjährigen Krieges erschoss der „tolle Werries" in seinem Schlosshofe einige französische Soldaten. Bald darauf wurde er von den Franzosen ergriffen und zum Tode verurteilt. Sein Vetter, der in französischen Diensten stehende Kavallerieoberst Karl Friedrich von Elverfeld, erfuhr es und erwirkte durch einen unerhört schnellen Ritt zum Marschall Laudon seine Freilassung.

Gerade sollte das Todesurteil vollstreckt werden, da traf der Vetter, atemlos von der Überanstrengung mit der Begnadigungsurkunde ein. Der "tolle Werries" war seinem
Lebensretter nicht undankbar. Er verschrieb ihm eine Jahresrente von 400 Rhtlr., adoptierte dessen Sohn Friedrich Clemens und setzte diesen zum Erben seiner Güter ein, mit der Bedingung, dass er Namen und Wappen des Erblassers führen müsse. Am 24. Januar 1768 bevollmächtigte er den Vater seines Adoptivsohnes mit der Betreuung der Güter zugunsten seines noch minderjährigen demnächstigen Nachfolgers.

Die Urkunde darüber besagt:

"Demnach ich Endesunterschriebener meinen Adoptivsohn Friedrich Clemens von Elverfeldt, genannt von Beverfoerde, zu meinem Universalerben ausersehen habe, und will, dass derselbe von nun an in den Mitbesitz aller meiner Güter, Spruch und Forderungen zu dem Ende eingeführet werde, damit der völlige Besitz ihm nach meinem gottgefälligen Absterben verbliebe, so erteile ich hiermit meines oben gemeldeten adoptierten Sohnes Vater, Herrn Obristen Carl Friedrich von Elverfeldt,
die Spezialgewalt zum Behuf dessen, den von mir soweit abgetretenen Besitz meines Wohnhofs in Münster, sodann meine Rittersitze Langen, Bynck bei Ascheberg, Horstmar, Werries, Nienburg, ferner meine Güter zu Ahlen und Teilte (Telgte?), die Rittersitze Wemesloh im Holländischen, Hamswerum und Uplewerth in Ostfriesland, alle Bauernhöfe und Kotten, samt allingen dieser Güter und Zubehörungen, Spruch und Forderungen, wie selbige Namen haben und im Hochstift Münster, im Holländischen und in Ostfriesland sind, zu ergreifen oder sich tradieren und einräumen zu lassen, des Endes Notarien und Zeugen zuzuziehen und zur Verrichtung dessen, wozu ich ihn hiermit bevollmächtige, ein oder mehrere Mandatarien zu substituieren. Urkundlich habe ich diese Vollmacht selbsthändig unterschrieben und mit meinem angeborenen Petschaft besiegelt. Geschehen auf meinem Wohnhause Werries, den 24. Januar 1768. Friedrich Christian, Frhr. v. Beverförde
."

Der Freiherr ahnte wohl nicht, dass er wenige Tage später, am 31. Januar 1768, sterben würde. Im stillen Dorfkirchlein zu Dolberg wurde er bestattet. Seit der Zeit ist Oberwerries im Besitze der freiherrlichen Familie von Elverfeldt, genannt von Beverfoerde-Werries. Friedrich Clemens überließ den alten Edelsitz seinem Vater als Wohnung und erbaute für sich das Schloss Loburg bei Ostbevern im Kreise Warendorf, woselbst die Familie noch jetzt wohnt. In ihrem viergeteilten Allianzwappen zeigen zwei gegenüberliegende Flächen einen Biber, die beiden ändern 5 bzw. 6 -11 Linien oder Felder, also die vereinigten Wappen derer von Beverfoerde und Elverfeldt. Mit dem Tode Friedrich Christians war das Lehnsgut Osthof wieder frei geworden. Wider Erwarten belehnte nun der Lehnsherr König Friedrich der Große nicht den jungen Freiherrn Friedrich Clemens, sondern den Chef des Hammschen Regiments, den Freiherrn Generalmajor Friedrich Carl von Wolffersdorff mit dem Osthof, weil dieser sich im Siebenjährigen Kriege besonders hervorgetan hatte. Die Belehnung erfolgte am 17. März 1768.

Doch schon am 6. Mai 1768 allodifizierte er das Lehen und gab es ihm als freies Eigentum. Seitdem die Herrschaft ihren Wohnsitz nach Schloss Loburg verlegte, verödete Oberwerries immer mehr und war dem Einsturz nahe.
So beklagt Dr. M. Jucho in einem Gedichtchen "Verfall" den Niedergang von Oberwerries:

In den Sälen, hoch und weit.
Einstens pulste frohes Treiben
Doch seitdem das Schloss verlassen,
Herrscht der Moder weit und breit.

Für seine Wiederherstellung warm eintretend, führte Jucho den Leser im Westfälischen Kurier vom 20.6.1925 hin und gibt ihm eine Beschreibung der Gebäude. Darin heißt es unter anderem:

"Durch ein zweigeschossiges Torhaus mit rundbogiger Durchfahrt, Walmdach und Uhrtürmchen betritt man die Vorburg, auf der der bereits erwähnte Marstall steht. Eine steinerne Brücke führt zu der durch eine Mauer mit Schießscharten versehenen bewohnten Hauptburg. Das Herrenhaus ist gleichfalls zweistöckig und derartig gegliedert, dass südlich an das mit einem hohen Mansardendach gekrönte Herrenhaus ein niedriger Seitentrakt zu einem turmartig ausgebauten Pavillon überleitet, aus dessen Dachmitte ein wuchtiger Kamin herausragt. Im Schlosshofe verbindet eine breit ausgelegte Doppeltreppenanlage die im rechten Winkel stehenden Gebäudegruppen zu einem einheitlichen Ganzen. Wundervoll ist das kunstvoll geschmiedete Treppengeländer mit der Jahreszahl 1714, ein Zeichen dafür, dass man im Laufe vieler Jahre an die weitere Ausschmückung der Gesamtanlage gedacht hat. Das Gebäude ist im Ziegelrohbau holländischen Kleinformats ausgeführt und gefugt. Diese malerischen Klinker mit ihrem wechselnden Farbenspiel vom Hellrot bis zum Dunkelblau beleben die Außenflächen. Das Material ist so gut gebrannt, dass Teile des Gebäudes aussehen, als wären sie frisch gemauert. Der Mörtel ist dank seiner besonderen Zusammensetzung so hart, dass er das, was er verbindet, noch Jahrhunderte zusammenhalten kann."

Erwähnt sei, dass eine der Decken im Schlosse im nördlichen Teil der Bahnhofshalle in Hamm nachgeahmt ist. Besser erhalten sind die Gebäude der Vorburg. Die Eisenanker in der Nordwand geben die Jahreszahl 1667 als Jahr der Erbauung an. Hier befindet sich die Wohnung des Försters. Den Eintretenden grüßt ein alter Renaissancekamin von 1672, der folgende Inschrift des Stifters trägt: "R.mus Dr. Engelbertus à Beverfoerde Cellerarius Monasteriensis dono dedit."

Schloss Oberwerries ist nicht mehr im Besitz der Familie von Elverfeldt-Beverförde. Im Wege des Austausches ging die alte Wasserburg mit 36 519 qm des umliegenden
Landes im Dezember 1942 in das Eigentum der Stadt Hamm über.