Lesen mit Lehmer: Krimi, Krimi

Krimi, Krimi mit einem in Formaldehyd eingelegter Killerhai; dem Krimi zur Dogon- Kunst Ausstellung in Bonn; Auguste Groner, das Urgestein des deutschsprachigen Kriminalromans; Peter Cushing, bekannt aus Sherlock-Holmes-  und Horrorfilmen wie Dr. Frankenstein und Dracula; einem Polit-Thriller um die Hintergründen eines Kampfjet-Absturzes; Neuen Geschichten von Sherlock Holmes sowie Dominique Manottis Einblick in die französischen Sozialstrukturen, den Politikbetrieb und den Polizeiapparat.

Sozialer Sprengstoff

Aufhänger von Manottis Krimi Einschlägig Bekannt ist die Situation in den Vorstädten – den sogenannten Banlieues – der großen französischen Metropolen. In den Banlieues, in denen viele Jugendliche mit Migrationshintergrund ohne soziale Perspektive leben, hat sich besonderer sozialer Sprengstoff angesammelt. So ist es auch in der fiktiven Pariser Vorstadt Panteuil. Dort leben in drei abbruchreifen Gebäuden Zuwanderer aus Mali, bei denen die sozial hergebrachten Strukturen mit einem Clanchef noch funktionieren. Aber auch jugendliche Kleinkriminelle aus allen ehemaligen französischen Kolonien fristen hier ihr Dasein in der Illegalität. Angeheizt wird der soziale Sprengstoff noch durch Polizeikräfte vor Ort, die sich durch eine Melange aus Unerfahrenheit, Korruption, Bürokratie und Brutalität auszeichnen. Der Schlagstock sitzt locker, es trifft auch schon einmal die eigenen Leute und mit polizeilicher Aufklärungsarbeit hat man wenig im Sinn.
Zugleich schildert das Buch auch das Duell zweier grundverschiedener Protagonistinnen. Auf der eine Seite die Leiterin des örtlichen Kommissariats, die blonde gut aussehende Madame Le Muir, deren Vater Infanterieoberst im Algerienkrieg war, und auf der anderen Seite die Ermittlerin Noria Ghozali, bekannt aus Manottis Werk Roter Glamour, die algerische Wurzeln besitzt und sich mühsam von den patriarchalischen Fesseln ihrer Herkunft befreit hat. Le Muir hofft mit ihrem Projekt der Nulltoleranz die sozialen Brandherde auszutrocknen und innenpolitisch bei den Rechten zu punkten. Da kommt es ihr gerade recht, dass zwei der abbruchreifen Gebäude in Flammen aufgehen. Die 15 Toten sind für sie nur ein leider unvermeidbarer Kollateralschaden. Ghozali will dieser Entwicklung Einhalt gebieten, denn die heruntergekommenen Wohnblocks sind klammheimlich von Berufskriminellen billig aufgekauft worden, die nun von der städtebaulichen Entwicklung des Geländes profitieren wollen.
Manotti bietet erneut einen Einblick in die französischen Sozialstrukturen, den Politikbetrieb und den Polizeiapparat, von dem man nur hoffen kann, dass er nicht der Realität entspricht. Hieran lassen ihr sachlicher und realitätsnaher Stil aber kaum Zweifel aufkommen. Manotti erzählt ihre Geschichte wie gewohnt mit viel Tempo aus unterschiedlichen Perspektiven, wodurch sie vielen Charakteren auf fesselnde Weise Leben einhaucht.
Manottis Kriminalromane sind mehrfach preisgekrönt. Einschlägig Bekannt wurde im Jahr 2010 als bester französischsprachiger Kriminalroman mit dem Trophée 813 ausgezeichnet. Bereits im Jahre 2007 hatte sie für Lorraine Connection diesen Preis bekommen.

Dominique Manotti: Einschlägig Bekannt – Hamburg, Argument Verlag 2011, Kart., 250 S., € 12,90


Neue Geschichten von Sherlock Holmes

Basierend auf den Charakteren von Sir Arthur Conan Doyle hat Sherlock Holmes Experte und Affectionado Klaus-Peter Walter acht neue und originelle Erzählungen in der Fortentwicklung von Doyle geschrieben. Sie basieren auf Begegnungen des Meisterdetektivs aus der Baker Street mit historischen und fiktiven Berühmtheiten seiner Zeit, wie Old Shatterhand, Buffalo Bill oder Eliza Doolittle aus My Fair Lady. Zugeschrieben werden sie der Feder Dr. Watsons, die wie immer akribisch aufgeschrieben, dann jedoch verloren gegangen und auf ungewissen Wegen in die Hände von Klaus Peter Walter gelangt sind, der sie nun für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.
So führt Dr. Watson in der Erzählung Sherlock Holmes und Old Shatterhand in das Jahr 1903 zurück, zu einem Mordfall während einer Rheinreise. Im Zug nach Mainz treffen Sherlock Holmes und Dr. Watson auf Karl May. In Sherlock Holmes und der stumme Klavierspieler spielt Klaus-Peter Walter möglicherweise auf den Fall des mysteriösen piano man an. Ein Mann, der anscheinend Sprache und Erinnerungsvermögen verloren hat, wird in ein exklusives Nervensanatorium in London gebracht. Sherlock Holmes enträselt die Identität des Unbekannten und kann mit Hilfe seines Bruders, Sir Mycroft Holmes, internationale Verstrickungen verhindern.
In der Erzählung Sherlock Holmes und Old Shatterhand führt uns Dr. Watson in das Jahr 1903 zu einem Mordfall, während einer Rheinreise zurück. Im Zug nach Mainz treffen Sherlock Holmes und Dr. Watson auf Karl May. Sherlock Holmes unglaubliche Kenntnisse der chinesischen Kultur sind für die Lösung des Rätsel Sherlock Holmes und die Weisse Frau wichtig. Sherlock Holmes und die verschwundene Witwe spielt im Jahr 1889 im Vorfeld der Pariser Weltausstellung. Sherlock Holmes und Dr. Watson werden nach Paris eingeladen, wo Holmes den Diebstahl eines kostbaren Diamanten verhindern soll. Ein zerknautschter Cowboyhut mit Durchschuss und ein Colt Kaliber 44 aus dem Jahre 1860 sind die Geschenke von Buffalo Bill an Sherlock Holmes nach bestandenem Abenteuer in Sherlock Holmes und Buffalo Bill. In Sherlock Holmes und das indische Kraut versucht Dr. Watson Sherlock Holmes mit Hilfe eines im Kaminfeuer verbrannten Krautes Einzelheiten aus dessen Leben zu entlocken. Sherlock Holmes und der Fall der Fair Lady knüpft an das Stück Pygmalion von George Bernhard Shaw und den Film My Fair Lady von George Cukor (1964) an. Sherlock Holmes und Dr. Watson treffen auf den exzentrischen Phonetiker Professor Higgins als er auf der Suche nach Eliza Doolittle in London umherirrt. In Sherlock Holmes und der diebische Weihnachtsmann wird der jüdische Juwelenhändler Herschel Lobkowicz am Weihnachtsabend von einem als Weihnachtsmann verkleideten Dieb zur Herausgabe seiner Juwelen gezwungen. Nach Lösung des Falls beschließen Sherlock Holmes und Dr. Watson das Jahrhundert mit einem Glas Cliquot und 'mit Zuversicht, mit dem leisen, ganz leisen Hauch einer gänzlich unbegründeten Hoffnung'.
Phantasievolle und spannende Unterhaltung mit viel Insiderwissen.

Klaus-Peter Walter: Sherlock Holmes und Buffalo Bill. Blitz-Verlag 2011. Geb., 277 Seiten, Euro 15.95


Polit Thriller: Wie viele Wahrheiten gibt es?

Das Pentagon entwickelt ein System, mit dem von Terroristenhand oder von suizidverdächtigen Piloten gelenkte Flugzeuge vom Pentagon aus ferngesteuert und zur Landung gezwungen werden können. Der Testflug wird zu früh durchgeführt und die ahnungslose Kampfjetpilotin Mary atomisiert mehrere Bäume gegenüber des Weißen Hauses und entgeht in einem Baum hängend nur knapp dem Tod. Um unangenehmen Fragen vorzubeugen, werden Mary und ihr Wigman nach Bagram versetzt. Zur gleichen Zeit wird der Presse der US-Geheimdienstbericht Sissy zugespielt, der von Spitzeln im Weißen Hause und von den Hintergründen des Kampfjet-Absturzes handelt. In der Washington Post erreicht der Bericht jedoch nicht die zuständige Redaktion. Während sich Marys Wigman über die Ziele ihrer nächtlichen Bombenangriffe in Afghanistan Gedanken macht, stellt man sich bei der Washington Post die Frage, warum in ihrer Zeitung die Daten des Sissy-Reports noch nicht ausgewertet wurden. Eine junge Reporterin wird auf  die Suche nach den Hintergründen des nächtlichen Crashs angesetzt.
Der Leser merkt es sofort, Lorraine Adams kennt sich mit der Funktionsweise von Zeitungsverlagen und investigativem Journalismus aus eigener langjähriger Erfahrung gut aus. Spannend beschreibt sie die Parallelität  und das Nebeneinander von Ereignissen, die die Wahrheit in einem immer wieder neuen Licht erscheinen lassen. Auch kleine persönliche Entscheidungen können die Wahrheit und das politische Geschehen verändern. Packender Roman der keinen Platz für Gut und Böse läßt.

Lorraine Adams: Crash (The Room and the Chair, 2010). Arche Verlag 2011. Geb., 397 Seiten, Euro 19.90. Deutsch von Miriam Mandelkow


Wenn der Teufel Regie führt

Hier fließt jede Menge Blut, ganz im Stil der alten Horrorfilme. Kein Wunder, hat doch der Teufel höchstpersönlich Anfang der 20er Jahre in Hollywood den Film „Das Fest des Monsieur Orpheè“ gedreht. Zum Glück war der Film verschollen, bis ihn zwei Studenten Anfang der 50er Jahre auf einer Reise durch Schottland beim Erklimmen eines Riffs in einer kleinen Höhle wieder finden. Jeder, der den Film sieht, begeht blutige Wahnsinnstaten. Die ersten Opfer sind Kindern in Nordengland, die den Film während eines Dorffestes anschauen und daraufhin erst ihre Eltern bestialisch ermorden und dann sich selbst in der Kirche verbrennen.
Bei der Bekämpfung des Bösen bekommen die Geisterjäger von Scotland Yard Unterstützung durch den britischen TV-Schauspieler Peter Cushing. Im Auftrag der Hammer-Filmstudios soll Cushing durch seine Hauptrolle in einem Frankenstein-Remake für ein Comeback des Monsterfilms sorgen. Während Cushings Vorbereitungen auf seine Gruselrolle erfährt er von dem Film des Teufels. Mit seiner Verbreitung will eine satanische Sekte die Apokalypse vorbereiten.
Mit Peter Cushing läßt Javier Marquez Sanchez einen bekannten britischen Schauspieler der 50 und 60er Jahre wieder aufleben. Cushing spielte in Sherlock-Holmes Filmen und Horrorfilmen wie Dr. Frankenstein und Dracula. Hammer-Filmstudios produzierte zwischen 1948 und 1979 Horror- und Science-Fiction Filme.

Javier Marquez Sanchez: Das Fest des Monsieur Orpheè (La Fiesta de Orfeo). Walde und Graf Verlag 2011. Übersetzt von Luis Ruby. Mit 17 schwarz-weißen Illustrationen von Patric Sandri. Geb., 407 Seiten, Euro 24.95.


Urgestein des deutschsprachigen Kriminalromans

Nachdem Auguste Groner (1859 – 1929) erst unter dem männlichen Pseudonym Olaf Björnson Kriminalgeschichten geschrieben hatte, erfand sie mit Joseph Müller den wahrscheinlichen ersten Seriendetektiv (ab 1887) der deutschsprachigen Kriminalgeschichte. In Der rote Merkur hilft Joseph Müller der Polizei den Mord an einer früheren Gouvernante  aufzuklären. Die Witwe Therese Schubert wird in ihrer Wohnung im 5. Bezirk in Wien von ihrer Nichte tot aufgefunden. Die Wohnung wurde durchsucht, aber Müller findet die wenigen verschwundenen Wertsachen später im Garten. Die Polizei verdächtigt zuerst Otto, den bürgerlichen Verlobten der Nichte der Ermordeten, bzw. Fritz, Ottos Halbbruder, den Mord aus Habgier begangen zu haben.
Von seiner Familie überredet, stellt sich Fritz der Polizei. Zwar hatte er Gelder seines Arbeitgebers unterschlagen, als Täter kommt er aber nicht in Frage. Nun wird auch der adelige Kreis um den früheren Arbeitgeber der Ermordeten, den Grafen Vivaldi, in die Ermittlungen miteinbezogen. Über den roten Merkur stößt Müller auf das bislang gut behütete Geheimnis der Toten, das weit in die Vergangenheit zurückreicht. Bei dem roten Merkur handelt es sich um eine seltene und sehr wertvolle Briefmarke.
Der rote Merkur ist auch ein gutes sozialkritisches Zeitdokument, das die gesellschaftlichen Moralvorstellungen Anfang des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. So macht Müller, dem von ihm entlarvten Täter klar, dass es ehrenhafter sei, sich der Polizei zu stellen und die Strafe auf sich zu nehmen als sich ihr durch Selbstmord zu entziehen.

Auguste Groner: Der rote Merkur. Wiener Kriminalroman aus dem Jahr 1910. Edition moKKa 2011. Geb., 246 Seiten, Euro 19.90


Krimi zur Dogon- Kunst Ausstellung

Schauspieler, Schriftsteller und Theater-Dramaturg Christoph Wackernagel lebt seit 2003 in Bamako, Mali. Aus eigener Erfahrung, lebhaft und spannend beschreibt Wackernagel was Malinesen und Deutsche unter Kulturaustausch verstehen, wobei die Grenzen zum Kulturraub fließend sind. Die Kunst des malischen Dogon-Volkes spielt eine zentrale Rolle. Eine heilige Dogon-Maske, ein alter Kultgegenstand, soll von Bamako nach München verschoben werden. Doch der Besitz der Maske bringt kein Glück, sie ist mit einem alten Dogon-Fluch belegt.
Wackernagels Protagonist, der Deutsche Stefan, der als Schreiner in Bamako lebt, wird in den Raub verwickelt als er im Haus eines reichen malischen Kunstschiebers eine neue Küche einbauen soll und sich dabei in dessen junge Frau verliebt. Stefan erlebt, was der „Dialog der Kulturen“, Emanzipation in Mali und der Zwiespalt zwischen alten Traditionen und westlicher Lebensweise bedeutet.
Wackernagel gibt spannende Einblicke in eine afrikanische Welt im Umbruch. Der Krimi ist eine hervorragende  Ergänzung  zu der Ausstellung »Dogon – Weltkulturerbe aus Afrika« die noch bis zum 22. Januar 2012 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen ist.

Christoph Wackernagel: Der Fluch der Dogon. Kart., Edition Nautilus 2011. 160 Seiten, Euro 12.90


Kunst-Satire

Im Mittelpunkt steht ein in Formaldehyd eingelegter Killerhai, der seinen Weg von Australien über London nach Singapur macht und selbst 570 Jahre später als übel riechender Fischschleim noch Wunder bewirken kann. Gary Bright, den seine Frau Mary Bright lieber selber als Fischfutter sehen würde, fängt ihn. In London wird er vom Kunststudenten Damien Hirst präpariert und von Werbetycoon und Kunstmäzen Charles Saatchie als Kunst vermarktet. Mit Hilfe der Kunstszene gelangt er zu einigem Ruhm und schließlich in das Arbeitszimmer des depressiven Klimaanlagenbauers Aloysius Tong. Tong wird auf Rat seines Psychiaters zum Kunstsammler und Mäzen und hält noch am Tigerhai fest als sich dieser schon in seine Einzelteile auflöst und unerträglich stinkt. Als 500 Jahre später Tongs Imperium und Hirsts Ruhm schon längst zerfallen sind und nach einigen Irrungen die strenge Oberpäpstin der Tom-Yom-Kirche durchgesetzt hat, lebt die Kraft des Tigerhais weiter fort.
Dem Autor, Künstler und Musiker Wolfgang Müller ist eine wundervolle Satire auf den Kulturbetrieb gelungen. Böse, mit schwarzem Humor und durchtrieben beleuchtet er unsere Gesellschaft, ihre Funktionieren und Versagen. Mit schönen zum Thema passenden Bildtafeln von Max Müller.

Wolfgang Müller: Kosmas. Verbrecher Verlag Berlin 2011. Geb., 192 Seiten, Euro 21.00

Copyright: Dr. Gisela Lehmer-Kerkloh